Vorwort

Das Zusammenleben von Deutschen und Türken ist wie eine arrangierte Ehe. Wir wurden verkuppelt, weil es wirtschaftlich notwendig war, und jetzt leben wir irgendwie nebeneinanderher ... Schade eigentlich.

Üfff! – (Heißt so viel wie „Mann, eeeh!“.) Wie ist das damals gewesen? Wer hat wen angebaggert? Warum kamen nach und nach immer mehr Türken nach Deutschland? Wann bemerkte man, dass Gastarbeiter nicht nur Gäste sind, die in Deutschland arbeiten, sondern hier leben? Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Wir haben uns aneinander gewöhnt. Wir Deutschen und wir Türken. Aber Gewohnheit haben schon viele mit Glück verwechselt, und Gewohnheiten sind nicht immer gute Ratgeber. Sie geben uns das Gefühl von Sicherheit und sind bequem - aber Veränderung bewirken sie nicht.
Wir Deutschen und wir Türken haben ein Beziehungsproblem, so viel steht fest. Weil wir zu wenig ineinander investieren: zu wenig Zeit, Geld und Gedanken. Vieles könnte besser laufen. Üfff! Stattdessen leben wir wie ein seit vierzig Jahren unglücklich verheiratetes Ehepaar mehr oder weniger zusammen und geben uns keine wirkliche Mühe, die Beziehung zu retten. Meist ertragen wir die Launen und Eigenheiten des anderen. Manchmal fliegen die Fetzen, und oft tut sich gar nichts. Das ist das Schlimmste.

Dieses Buch möchte nicht – wie so viele - ein Beitrag zur Integrationsdebatte im klassischen Sinne sein, denn die langweilen mich zu Tode. Wirklich. Schon als Kind habe ich gelernt, dass die Bezeichnung „Türke“ nicht so unbelastet ist wie „Franzose“, „Engländer“ oder „Italiener“. „Türke“ ist fast schon ein Schimpfwort. Warum? Das habe ich mich oft gefragt und mich auf die Suche nach Antworten begeben. Und ich habe sogar einige gefunden. Ich möchte im Folgenden eine Familiengeschichte erzählen. Von einer Familie, die seit zwei Generationen in Deutschland lebt, hier Fuß gefasst hat und hier glücklich ist. Das ist meine Familiengeschichte. Oder wenigstens Ausschnitte daraus. Aus Nazan Üngör wurde irgendwann Nazan Eckes, und aus einem türkischen Nachnamen wurde ein deutscher. Habe ich mich dadurch verändert? Ja, Gott sei Dank. Habe ich meine Wurzeln vergessen? Nein, Gott sei Dank nicht.

Mein Herz schlägt türkisch – mein Herz schlägt deutsch.

Für die meisten der 2,8 Millionen türkischstämmigen Migranten in Deutschland ist der Lebensplan, irgendwann wieder in die Heimat zurückzukehren, gescheitert. Manchmal aus Geldmangel, manchmal aus dem Gefühl heraus, in der Fremde eine neue Heimat gefunden zu haben, und sehr oft ist es die Angst davor, in der Türkei, der ursprünglichen Heimat, keinen Anschluss zu finden. Es ist eine Sache, in einem Land regelmäßig Urlaub zu machen, wie es viele Jugendliche der zweiten und dritten Generation in der Türkei tun, und eine ganz andere, dort zu leben. Selbst wenn der Pass und das Herz sagen, dass man dort hingehört. Das schöne, warme Gefühl der Vertrautheit wird in erster Linie nur vermittelt: durch Eltern, Verwandte, Freunde. Zeitungen, Fernsehen und Urlaubsfotos sind nichts Lebendiges. Wie kann ein Land vertraut sein, wenn man es nicht im Alltag kennt? Die Folgegenerationen der ersten Türken in Deutschland sind aber meist nicht in der Türkei, sondern in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ich bin mir sicher, dass eine Vielzahl der in Deutschland lebenden Türken schon längst wieder in ihre Heimat zurückgegangen wäre, hätten sie alle nicht auch dort das Gefühl, Fremde zu sein. Integrationsschwierigkeiten in der ursprünglichen Heimat sind vielleicht noch schwerer zu ertragen als in der Fremde. Wir lieben unsere Wurzeln, wir lieben unser Essen, unsere Musik. Unser Land ist wunderschön. Aber wir wissen, dass wir nicht nur in Deutschland die „Deutschtürken“ sind, sondern auch in der Türkei die „Almancilar“, die Deutschländer. Aber wir haben das Beste daraus gemacht und es uns in unserer Zwischenwelt freundlich eingerichtet. Wer hat auch schon Lust darauf, ein Leben lang darüber nachzudenken, wo er hingehört? Irgendwann wird man einfach müde, lässt sich dort nieder, wo man gerade weilt. Hier ist jetzt Zuhause. Punkt.

In Deutschland freuen wir uns darüber, Freunde oder Kollegen auf türkische Hochzeiten mitzunehmen. Schaut euch das an, das ist lustig! Mit uns kann man richtig Spaß haben. In der Türkei wiederum schwärmen wir vom deutschen Sozialsystem, das vergleichsweise gut funktioniert. Von der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Deutschen sind wir ebenfalls begeistert. Bestellen Sie in der Türkei mal einen Telefonanschluss … Außerdem sind Deutsche höflich, sie „siezen“ einander. In der Türkei nicht immer selbstverständlich.

Ich habe stets versucht, von beiden Kulturen zu lernen. Natürlich gibt es in beiden Ländern Gepflogenheiten, die ich nicht so gern mag. Und weil ich das nicht besonders außergewöhnlich finde, hatte ich nur selten Probleme damit, mich in Deutschland und in der Türkei zurechtzufinden und mich wohlzufühlen. Mir ist dabei durchaus bewusst, dass es das Schicksal sehr gut mit mir gemeint hat. Den Rest habe ich mir Stück für Stück erarbeitet. Dem Zufall überlasse ich andere Dinge, aber nicht meine Lebensplanung. Wie gesagt, ich hatte und habe aber auch viel Glück. Ich bin Menschen begegnet, die mich gefordert und gefördert haben. Ich habe eine Familie, die mir so starken Rückhalt gibt, dass es schon einiges braucht, um mich umzuhauen. Ich habe einen Vater und eine Mutter, die erkannt haben, dass ihre Tochter nicht ihren, sondern den eigenen Weg geht und dass dieser gar kein schlechter ist. Und ich habe eine Schwester und einen Bruder, die das Gleiche tun. Eine Familie, die mich als kleines, manchmal eigenwilliges Mädchen genauso akzeptierte, wie sie es heute tut – Eigenwilligkeit eingeschlossen. Eine Familie, die sich nicht von gesellschaftlichen Normen, sondern von eigenen Werten und Gefühlen leiten lässt. Viele türkische Frauen haben dieses Glück nicht. Und es gibt genügend Schicksalsgeschichten, die mich wütend machen. Aber das ist ein anderes Thema …